Das Ende des Zweiten Weltkriegs in Wertheim

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Am 1. April 2025 jährt sich zum 80. Mal das Ende des Zweiten Weltkriegs in Wertheim. Zu diesem Datum wurde der Gedenk- und Erinnerungsort an die damaligen Geschehnisse eingerichtet. Der Platz unterhalb der Burg am Hirschtor wurde dafür mit einem veränderten Belag aufgewertet, auf dem drei mit Stahlrahmen eingefasste, 1,80 Meter hohe und 60 Zentimeter breite Textstelen aufgestellt wurden.

Die Stelen tragen Informationen zu den Ereignissen am 1. April 1945 in Wertheim. Die entsprechenden Texte wurden von Dr. Monika Schaupp, Leiterin des Archivverbunds Main-Tauber, und Dr. Frank Kleinehagenbrock, Vorsitzender des Historischen Vereins, erarbeitet. Die Texte basieren auf wissenschaftlichen Forschungen. In folgenden Texten aus Wertheimer Jahrbüchern sind die Ergebnisse zu finden. Sie können hier heruntergeladen werden:

Hermann Ehmer: Der Kampf um Nassig am 30./31. März und die Besetzung Wertheims am 1. April 1945, in: Wertheimer Jahrbuch 1984/85 (1986), S. 195–216.

Vanessa Geiger: Weiße Fahnen über Wertheim. Das Ende des Zweiten Weltkrieges in Wertheim, in: Wertheimer Jahrbuch 2021/2022 (2023), S. 225–291.

Die Zerstörung von Nassig am 30./31. März 1945

Kirchenruine in Nassig. Foto: Erwin Kaufmann

Das Überschreiten des Rheins bei Nierstein durch die US-Armee am 22./23. März 1945 ging einher mit dem Zusammenbruch der deutschen Front. Zügig konnten die amerikanischen Truppen nach Osten vordringen. Bereits eine Woche später erreichten sie über den Odenwald kommend das Gebiet der heutigen Stadt Wertheim. Von der NS-Führung verpflichtet und von der NS-Propaganda getrieben kämpften Wehrmachtsverbände trotz militärisch aussichtsloser Lage weiter. Welche Folgen das haben konnte, ist am Schicksal des heutigen Wertheimer Ortsteils Nassig zu sehen.

Am Karfreitag, den 30. März 1945, griff dort eine Nahkampfgruppe des Infanterie-Ersatz- und Ausbildungsbataillons aus Ansbach (Mittelfranken) einen aus Westen Richtung Wertheim anrückenden amerikanischen Panzer an. Die Gruppe bestand überwiegend aus 16- bis 17-Jährigen ohne militärische Ausbildung, die erst wenige Tage Uniform trugen.

Die Verteidigung des Dorfes wurde versucht, obwohl bekannt war, dass die Amerikaner zum Schutz ihrer Soldaten auf Widerstandshandlungen hart reagierten. Und man wusste auch um deren Praxis, beim Aufziehen der weißen Fahne sofort alle Kampfmaßnahmen einzustellen.

Der Angriff auf den Panzer hatte den Beschuss des Ortes zur Folge. Erst am Nachmittag des 31. März 1945 verstummten die Geschütze.

Die in der Region verbliebenen Teile der Wehrmacht sowie die NS-Kreisleitung gewannen im Schatten der Ereignisse Zeit für ihren Rückzug, der Fliegerhorst auf dem Wartberg konnte zerstört werden. Doch die unnötige Kampfhandlung kurz vor dem erwartbaren Ende des Krieges hatte verheerende Konsequenzen. Nassig wurde weitgehend zerstört. Die Kirche, die Schule, 28 Wohnhäuser, 64 Scheunen und weitere Gebäude wurden vernichtet. Aus der einheimischen Bevölkerung starben fünf Menschen. Mehr als zehn US-amerikanische GIs ließen bei den Kämpfen ihr Leben. 34 der jungen ortsfremden deutschen Soldaten wurden in einen hoffnungslosen Kampf geworfen und geopfert.

Die Rettung von Wertheim am 1. April 1945

Blick auf die Burg Richtung links der Tauber. Vorlage: StAWt S-N 70 Nr. 385, 6356/3, Aufnahme: Aero-Bild-Verlag Leipzig Nr. 5297, vor 21.04.1941

Die Stadt Wertheim blieb weitgehend unzerstört und wurde am Nachmittag des Ostersonntags, den 1. April 1945, kampflos den Amerikanern übergeben. Voraussetzung dafür war das Hissen weißer Fahnen auf der Burg. Die Ereignisse können jedoch nicht mehr bis ins Detail aufgeklärt werden.

Seit dem Morgen standen US-Soldaten auf dem Wartberg. Von dort konnten sie die Stadt und das Maintal überblicken und den Abzug der letzten deutschen Soldaten beobachten. Vereinzelter Beschuss traf die Stadt.

Auch Wertheim sollte verteidigt werden. Im Bewusstsein der Zerstörung Nassigs wagten unabhängig voneinander einige Männer den Versuch, den NS-Bürgermeister Herrmann Dürr und den linientreuen Ortspolizisten Karl Mehling davon zu überzeugen, die Stadt kampflos zu übergeben, allen voran Anton Dinkel und Heinrich Herz. Ferner sind namentlich bekannt Christoph Dinkel, Josef Hammerich, Michael Kuch, Otto Paul, Karl Seher und Georg Staubitz. Damit widersetzten sie sich Vorgaben des NS-Regimes und riskierten ihr Leben. Zugleich bestand im Fall von Kampfhandlungen Gefahr für das Leben der Einwohnerinnen und Einwohner der Stadt. Diese hatten sich größtenteils in Keller und den Eisenbahntunnel unter dem Schlossberg geflüchtet. Ein Beschuss der Stadt durch die US-Armee als Reaktion auf deutsche Verteidigungsmaßnahmen hätte zudem ihre wirtschaftliche Lebensgrundlage zerstört.

Die Auseinandersetzung mit den beiden NS-Amtsträgern war dramatisch und zog sich über eine Stunde hin. Zweimal wurde eine weiße Fahne auf der Burg gehisst, einmal musste sie vor allem auf Druck des Ortspolizisten wieder eingeholt werden. Nachdem sie ein zweites Mal – wahrscheinlich gegen 16.45 Uhr – aufgezogen wurde, marschierten amerikanische Soldaten ab 17 Uhr ohne Zwischenfälle in die Stadt ein und erklärten sie um 21 Uhr für eingenommen. Bereits am Abend des Ostersonntags konnten die Menschen in ihre Häuser zurückkehren.

Wertheim nach 1945

Blick von der Burg auf die Altstadt Richtung Bestenheid. Foto: Peter Frischmuth, 2020

Aufgrund der friedlichen Übergabe und Besetzung der Stadt durch die US-Armee kehrte rasch das Alltagsleben in die unzerstörte Stadt zurück. Dies bedeutete nach 1945 auch die Aufnahme zahlreicher Flüchtlinge und Vertriebener. Die Einwohnerzahl stieg dadurch in den folgenden Jahren stark an. Um 1970 war die Mehrzahl der Einwohner nicht in Wertheim geboren. Der Zuzug von Menschen und auch von Unternehmen insbesondere der Glasbranche ermöglichte den Aufbau einer Industrie. Diese siedelte sich zunächst auf dem Wartberg, dann vor allem in Bestenheid an und eröffnete der Stadt eine vor 1945 ungeahnte Zukunft.

Die Männer, die sich am 1. April 1945 für die kampflose Übergabe der Stadt einsetzten, bewiesen großen Mut. Nur von einem ist bekannt, dass er sich zuvor ausdrücklich vom NS-Regime distanzierte. Verbunden hat sie die Sorge um die Stadt, ihre Familien und ihre Betriebe. Dazu kam vielleicht auch die Erkenntnis vom Untergang des NS-Regimes, den auch der Abzug deutscher Soldaten und der NSDAP-Kreisleitung verdeutlichten.

Ihr Handeln lehrt uns, dass es wichtig ist, Zivilcourage zu zeigen und sich für das Gemeinwesen einzusetzen. Am Ostersonntag 1945 konnte ein solcher Einsatz das Leben kosten. Heute leben wir in einer Demokratie. Das Leben in unserer Stadt wird vom gemeinsamen Handeln aller Bürgerinnen und Bürger in Freiheit gestaltet. Dass dies nicht selbstverständlich ist, daran erinnert uns die Auseinandersetzung um das Hissen der weißen Fahnen auf der Wertheimer Burg am 1. April 1945.